Der Obstkorb — Eine Kulturgeschichte der modernen Unternehmenskultur

Der Obstkorb — Eine Kulturgeschichte der modernen Unternehmenskultur

·5 Minuten

Es gibt Symbole die eine Epoche definieren. Die Dampfmaschine für die Industrialisierung. Das Fließband für den Fordismus. Der Obstkorb für New Work.

Wer den Obstkorb verstehen will, versteht die moderne Arbeitswelt.

Die Entstehung eines Mythos

Niemand weiß genau wann der erste Obstkorb in einem deutschen Büro auftauchte. Vermutlich irgendwann Mitte der 2000er Jahre, als ein Geschäftsführer auf einer Konferenz über "Employee Engagement" hörte und danach seinem Office Manager sagte: "Mach mal was mit Obst."

Der Office Manager bestellte einen Korb. Füllte ihn mit Äpfeln, Bananen und gelegentlich Trauben wenn die Stimmung gut war. Und plötzlich war die Unternehmenskultur transformiert.

Oder zumindest stand das so in der nächsten Stellenanzeige.

Die Stellenanzeige

"Wir bieten: flache Hierarchien, ein dynamisches Team, spannende Herausforderungen und natürlich frisches Obst."

Der Obstkorb hat es in die Stellenanzeige geschafft. Neben Herausforderungen und Dynamik. Als gleichwertiges Argument warum man seinen bisherigen Job kündigen und hier anfangen sollte.

Niemand hat jemals eine Stelle wegen des Obstkorbs angenommen. Und doch steht er dort. Seit Jahren. Hartnäckig. Wie ein stiller Zeuge des guten Willens.

Die Hierarchie des Obstkorbs

Nicht jeder Obstkorb ist gleich. In der Unternehmenskultur gibt es eine klar definierte Obstkorb-Hierarchie:

Stufe 1 — Der Pflichtkorb Äpfel und Bananen. Montags aufgefüllt, freitags halb vergammelt. Niemand isst die Äpfel weil alle warten dass jemand anderes anfängt. Die Bananen werden schwarz. Der Korb steht trotzdem in der Stellenanzeige.

Stufe 2 — Der Ambitions-Korb Zusätzlich: Mandarinen, gelegentlich Weintrauben, einmal im Quartal Erdbeeren wenn der Umsatz stimmt. Das Unternehmen hat eine "People & Culture"-Abteilung und einen Kicker im Pausenraum.

Stufe 3 — Der Premium-Korb Exotische Früchte deren Namen die Hälfte der Belegschaft nicht kennt. Mango. Physalis. Einmal Drachenfrucht die niemand angerührt hat weil keiner wusste wie man sie isst. Das Unternehmen nennt sich "Arbeitgeber der Zukunft" und hat das auch irgendwo zertifiziert.

Stufe 4 — Der Bio-Korb Wie Stufe 3, aber regional und saisonal. Kommt vom Bauernhof direkt ins Büro. Kostet dreimal so viel. Wird in der Employer-Branding-Kampagne erwähnt. Auf Instagram gibt es ein Foto davon mit dem Hashtag #GoodFood #GoodWork #WeAreFamily.

Was der Obstkorb wirklich sagt

Der Obstkorb ist kein Benefit. Der Obstkorb ist eine Kommunikation.

Er sagt: Wir denken an euch. Wir investieren in eure Gesundheit. Wir sind nicht wie die anderen Unternehmen. Wir haben verstanden dass Mitarbeiter mehr brauchen als ein Gehalt.

Was er nicht sagt: Wie hoch das Gehalt ist. Ob es Homeoffice gibt. Wie die Work-Life-Balance aussieht. Ob der letzte Mitarbeiter der diese Stelle hatte aus eigenem Willen gegangen ist.

Der Obstkorb ist die günstigste Form von Employer Branding die es gibt. Ein Korb Äpfel kostet 15 Euro die Woche. Eine Gehaltserhöhung kostet deutlich mehr. Die Wirkung in der Stellenanzeige ist vergleichbar.

Das Ende des Obstkorbs

Mit dem Homeoffice-Boom kam die Sinnkrise des Obstkorbs. Plötzlich saß niemand mehr im Büro. Der Korb stand da. Die Äpfel wurden schwarz. Die Bananen auch.

Manche Unternehmen schickten ihren Mitarbeitern Obstboxen nach Hause. Das war gut gemeint und logistisch aufwendig und endete meistens damit dass jemand eine Kiwi bekam die er nicht mochte und sich nicht beschweren wollte.

Andere Unternehmen strichen den Obstkorb still und heimlich aus der Stellenanzeige. Ersetzt durch: "flexible Arbeitszeiten" und "modernes Equipment". Der Fortschritt schreitet voran.

Die Lektion

Der Obstkorb hat nie jemandem geschadet. Er hat vielen Menschen eine Banane gegeben die sie sonst nicht gegessen hätten. Das ist nicht nichts.

Aber als Versprechen einer ganzen Unternehmenskultur war er immer etwas überfordert. Ein Korb Obst kann keine Führungskultur ersetzen. Keine transparente Kommunikation. Kein faires Gehalt.

Der Obstkorb wollte das nie sein. Er ist nur ein Korb Obst.

Wir haben ihm zu viel zugemutet.


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